Schuttbedeckung und Blockgletscher
Wer einen langen Talgletscher im Karakorum, im Kaukasus oder in den zentralen Anden hinaufgeht, sieht selten sauberes Eis. Die Oberfläche ist mit Stein bedeckt — Splitter von wenigen Zentimetern bis Felsbrocken in Autogröße. Je dicker die Decke, desto stärker weicht das Verhalten von den Lehrbuchmodellen mit sauberem Eis ab. Im Extremfall spricht man nicht mehr von einem Gletscher, sondern von einem Blockgletscher.
Woher der Schutt kommt
Drei Quellen, etwa in dieser Reihenfolge der Bedeutung:
- Steinschlag von den Talwänden: loses Material fällt auf die Oberfläche und wird mitgeführt.
- Englaziale Mitnahme: Eis nimmt Bettmaterial auf und bringt es in der Ablationszone wieder an die Oberfläche, wenn das Eis darunter wegschmilzt.
- Subglaziale Aufarbeitung: Gestein wird vom Bett gerissen, zermahlen und in Moränen oder durchs Eis hervorgebracht.
Die Mittelmoränen eines Baltoro-Typs sind reine englaziale Mitnahme plus Talwandsource.
Wirkung auf die Schmelze
Dünne Schuttdecken (wenige Zentimeter) erhöhen die Schmelze: dunkles Gestein absorbiert mehr Sonnenstrahlung als sauberer Schnee oder Eis. Ab ca. 5 cm isoliert die Decke und bremst die Schmelze. Bei mehreren zehn Zentimetern ist das Eis darunter praktisch geschützt — Schmelze passiert nur am Rand, wo Wasser angreifen kann.
Differentielle Schmelze und Morphologie
Weil die Decke ungleichmäßig ist, entsteht eine raue Oberfläche: Eishügel, Schuttkegel, Schmelzgruben und supraglaziale Seen. Felsbrocken auf Eis-Sockeln („Gletschertische") sind ein Klassiker. Viele mittelgroße supraglaziale Tümpel entstehen, entleeren sich und bilden sich in einer Saison neu.
Was ist ein Blockgletscher?
Ein Blockgletscher ist ein Körper aus Eis und Schutt, der unter Schwerkraft hangabwärts kriecht. Optisch wie ein langsamer Fluss aus Geröll. Zwei Haupttypen:
- Schuttherkunft: Schuttkegel am Talwandfuß sammeln mit der Zeit interstitielles Eis und beginnen zu fließen.
- Gletscherherkunft: ehemalige Sauberes-Eis-Gletscher, die so schuttbedeckt sind, dass sie wie reines Gestein wirken.
In beiden Fällen kriecht die Mischung mit typischen Oberflächenraten von 0,1 bis 1 m pro Jahr — viel langsamer als ein Temperategletscher, aber auf mehrjährigen Zeitraffer-Aufnahmen unverkennbar.
Klimatische Bedeutung
Blockgletscher sind weit verbreitet in trockenen Gebirgen, wo zu wenig Schnee für einen Sauberes-Eis-Gletscher fällt: Binnentibet, zentrale Anden, Hindukusch, Teile der amerikanischen Rockies. Sie speichern erhebliche Wassermengen — und werden in vielen Regionen inzwischen als hydrologische Ressource für die Zukunft erfasst.
Erforschung
Standard-Satelliten-Massenbilanzen unterschätzen die Schmelze auf schuttbedeckten Gletschern, weil sich die sichtbare Oberfläche kaum ändert. Moderne Verfahren kombinieren InSAR (Radar-Interferometrie) für Geschwindigkeit, Photogrammetrie für Höhenänderung und Bodenradar für den Eisgehalt unter dem Schutt.
Bedeutung
Viele der größten Berggletscher der Welt — Karakorum, zentrale Anden, Himalaya — haben starke Schuttbedeckung. Ihre Zukunft lässt sich nicht prognostizieren, wenn man sauberes Eis annimmt.
Wohin zuerst?
Die interaktive Karte markiert große schuttbedeckte Gletscher und zeigt, wo Blockgletscher dominieren — hilfreich, um die Vielfalt der weltweiten Gletscherlandschaften einzuordnen.