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Gletscherschwund und Klimawandel

Die Zahlen des World Glacier Monitoring Service (WGMS) sind nüchtern. Im State of the Global Cryosphere 2023 dokumentiert das in Zürich ansässige Institut, dass der mittlere spezifische Massenverlust der weltweit beobachteten Referenzgletscher im Zeitraum 2011 bis 2020 bei durchschnittlich minus 1,2 Meter Wasseräquivalent pro Jahr lag — etwa doppelt so hoch wie im Dekadenmittel der 1980er Jahre. Die Beschleunigung ist messbar und konsistent über alle Regionen.

Meeresspiegelbeitrag der Gletscher

Gletscher außerhalb der Grönländischen und Antarktischen Eisschilde trugen im Zeitraum 2006 bis 2016 nach IPCC-Daten mit rund 0,61 Millimeter pro Jahr zum globalen Meeresspiegelanstieg bei. Grönland steuerte weitere 0,77 mm/Jahr bei, die Westantarktis rund 0,43 mm/Jahr. Der Gesamtbeitrag der Eismassen lag damit bei etwa 1,8 mm/Jahr — mehr als die Hälfte des gesamten beobachteten Meeresspiegelanstiegs von rund 3,6 mm/Jahr im selben Zeitraum.

Berggletscher sind kleiner als Eisschilde, verlieren aber prozentual schneller Masse, weil ihr Verhältnis von Oberfläche zu Volumen ungünstiger ist. Für die laufende Dekade (2021 bis 2030) schätzen Modelle den Gletscherbeitrag auf 0,7 bis 0,9 mm/Jahr.

Alpine Rückzugszahlen: Aletsch als Referenz

Der Aletschgletscher in der Schweiz, mit 23 Kilometer Länge und etwa 82 Quadratkilometer Fläche der größte Gletscher der Alpen, ist das meistuntersuchte alpine Eis. Seit 1900 hat die Gletscherzunge rund 3 Kilometer an Länge verloren. Das entspricht einem mittleren Rückzug von etwa 30 Meter pro Jahr, der sich in jüngsten Jahrzehnten auf 50 bis 60 Meter pro Jahr beschleunigt hat.

Die Pasterze in Österreich — längster Gletscher der Ostalpen — hat ihre Zunge seit 1850 um mehr als 2,5 Kilometer zurückgezogen. Allein zwischen 2000 und 2020 verlor sie rund 1,5 Kilometer. Dieser Schwund ist am Großglockner für Besucher direkt nachvollziehbar: Die Wanderwege zum ehemaligen Gletscherrand wurden mehrfach verkürzt.

Andine Wasserversorgungskrise

In den tropischen Anden beziehen Städte wie Lima (Peru), Quito (Ecuador) und La Paz (Bolivien) erhebliche Anteile ihrer Trinkwasserversorgung aus dem Schmelzwasser tropischer Gletscher. Der Quelccaya-Eisschild in Peru, größter Tropikgletscher der Erde, hat seit 1978 etwa 30 Prozent seiner Fläche verloren — rund 50 Quadratkilometer. Der Chacaltaya-Gletscher in Bolivien, der noch 1990 als Skigebiet betrieben wurde, ist seit 2009 vollständig verschwunden.

Das Problem ist nicht allein der langfristige Rückzug. Das akute Risiko liegt im so genannten „Peak Water"-Phänomen: Wenn ein Gletscher schmilzt, steigt der Abfluss zunächst über Jahrzehnte an, bevor er bei stark verringertem Eisvolumen wieder einbricht. Regionen, die aktuell noch von erhöhtem Schmelzwasser profitieren, werden innerhalb von Jahrzehnten mit dramatisch reduziertem Abfluss konfrontiert sein.

Himalaya-Asymmetrie

Die Gletscher des Himalaya-Systems zeigen eine räumliche Asymmetrie, die das simple Bild eines gleichmäßigen Schwunds kompliziert. Westliche Himalaya-Gletscher (Pakistan, Nordindien, Karakorum) verhalten sich anders als östliche und südliche Ausläufer (Nepal, Bhutan, Südtibet). Das Karakorum-Paradox beschreibt den Befund, dass einige Karakorum-Gletscher (Siachen, Baltor, Hispar) im frühen 21. Jahrhundert stabil waren oder leicht vordrangen, während benachbarte Systeme rückläufig waren. Als mögliche Ursache werden veränderte Niederschlagsmuster im Westmonsun diskutiert. Seit den 2010er Jahren zeigen auch Karakorum-Gletscher in der Summe Massenverlust.

Die Folgen für die Region sind gravierend: Über 200 Millionen Menschen im Indus-Einzugsgebiet hängen für ihre Wasserversorgung vom Himalaya-Schmelzwasser ab.

Grönlands Massenbilanz

Grönland ist die größte einzelne Gletschermasse außerhalb der Antarktis. Zwischen 2006 und 2016 verlor der Grönländische Eisschild durchschnittlich 275 Gigatonnen Eis pro Jahr — ausreichend, um den Meeresspiegel um 0,77 mm pro Jahr anzuheben. Der Verlust erfolgt durch zwei Mechanismen: Oberflächenschmelze (etwa 60 Prozent) und Kalbung der Ausflussgletscher an den Rändern des Schilds (etwa 40 Prozent).

Jakobshavn (Sermeq Kujalleq) ist der produktivste Ausflussgletscher: Er kalbt jährlich rund 46 Kubikkilometer Eis in den Ilulissat-Eisfjord. In den 2000er Jahren beschleunigte er sich auf Fließgeschwindigkeiten von bis zu 46 Meter pro Tag — die höchste gemessene Gletschergeschwindigkeit der Nordhalbkugel.

Die 1,5-Grad-Schwelle

Das Pariser Abkommen von 2015 verankerte die Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius über vorindustriellem Niveau als Zielmarke. Für Gletscher ist diese Grenze jedoch nicht gleichbedeutend mit Stabilität. Selbst bei Begrenzung auf 1,5 Grad Celsius wären nach IPCC-Projektionen rund 40 Prozent der kleinen Gebirgsgletscher (unter 1 km²) bis 2100 verschwunden. Bei 2 Grad Erwärmung verliert Europa bis zu zwei Drittel seines Gletschervolumens; bei 4 Grad wären bis Ende des Jahrhunderts mehr als 90 Prozent der Alpengletscherfläche weg.

Die Debatte ist nicht ob, sondern wieviel. Die Frage ist, ob die Rückzüge reversibel werden — bei sehr starker Emissionsreduzierung könnten einige Gletscher in Jahrhunderten wieder wachsen — oder ob Schwellenwerte überschritten werden, hinter denen Prozesse unumkehrbar sind.

Was das für Besucher bedeutet

Gletscherreiseführer, die vor zehn Jahren gedruckt wurden, sind in Teilen unbrauchbar. Wegbeschreibungen zu Gletscherrändern sind veraltet, Viewpoints zeigen Fels statt Eis, und bekannte Ziele wie die Mer de Glace in Chamonix verlangen mittlerweile den Abstieg über 580 Treppenstufen, um die Eisoberfläche zu erreichen — 2010 waren es keine 100. Wer Gletscher sehen will, sollte das jetzt tun, nicht in zehn Jahren. Und wer bestimmte Ziele nachreisen will, sollte Betreiber nach dem aktuellen Zustand fragen, nicht nach dem Reiseführer greifen.

Warum Gletscher wichtige Klimaindikatoren sind

Gletscher reagieren auf Klimaveränderungen mit einer zeitlichen Verzögerung von Jahren bis Jahrzehnten — je nach Größe und Dicke des Eises. Das macht sie zu ausgezeichneten Langzeit-Integratoren: Ein Gletscher, der sich zurückzieht, zeigt nicht das Wetter dieser Saison, sondern den Klimatrend der letzten zehn bis dreißig Jahre. Der WGMS bezeichnet sie deshalb als „sentinels of climate change" — Wächter des Klimawandels.

Die sichtbare Konsequenz für Besucher: Alle Gletscherreiseführer, die vor 2015 gedruckt wurden, sind mit Vorsicht zu verwenden. Wegbeschreibungen zu Gletscherrändern sind veraltet, Viewpoints zeigen Fels statt Eis, und bekannte Ziele wie die Mer de Glace in Chamonix verlangen mittlerweile den Abstieg über 580 Treppenstufen, um die Eisoberfläche zu erreichen — 2010 waren es keine 100. Wer Gletscher sehen will, sollte das in den nächsten Jahren tun, nicht in zehn Jahren. Und wer bestimmte Ziele nachreisen will, sollte Betreiber nach dem aktuellen Zustand fragen, nicht den Reiseführer aufschlagen.

Die interaktive Karte dieser Website zeigt die aktuelle geografische Lage der dokumentierten Gletscher. Kombiniert mit WGMS-Daten und Betreiberinformationen ergibt sich das realistischste Bild für die Reiseplanung.