Eisklettern auf Gletschern
Eisklettern auf Gletschereis unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt vom Wassereis-Klettern im Winter: Die Seracs und Eiswände eines lebenden Gletschers sind aktiv. Sie fließen, deformieren sich, kalben und können kollabieren. Das macht Gletschereis zu einem faszinierenden, aber anspruchsvollen Medium — und erklärt, warum viele Kurse auf Gletscher zurückgreifen, um realistische Verhältnisse zu bieten, während sicherheitstechnisch gut verstandene Top-Rope-Setups verwendet werden.
Die Skala: WI1 bis WI7 und Mixed
Die Waterfall Ice-Skala (WI) bewertet Eiskletterrouten nach Steilheit, Qualität des Eises und technischer Anspruch:
WI1 und WI2 beschreiben flaches bis leicht geneigtes Eis (unter 60 Grad), wie man es auf Gletscherplateau-Zugängen oder Moränenrändern findet. Für Steigeisen und Stöcke ausreichend, kein Klettergerät nötig.
WI3 ist die untere Grenze des eigentlichen Eiskletter-Terrains: senkrechte oder überhängende Passagen von wenigen Metern, mit guten Ruheplätzen dazwischen. Dieser Grad ist Ziel der meisten Einführungskurse.
WI4 bis WI5 sind die klassischen „Sportklettergrade" des Eiskletterns: anhaltend senkrechte oder überhängende Abschnitte mit schlechteren Ruheplätzen, kombinierte Steilheiten von 80 bis 90 Grad. Technisch anspruchsvoll, erfordert Kondition in den Unterarmen und sichere Eisschraubentechnik.
WI6 und WI7 sind Extremeis: dauerhaft überhängende Routen, oft mit schlechtem oder brüchigem Eis, sehr kurze Rastpositionen. Elite-Niveau.
Die Mixed-Skala (M) bewertet Routen, die Eis und Fels kombinieren. M4 bis M9 reicht vom technischen Mixedklettern an Felsüberhängen mit Eiswerkzeug bis zu Wettkampf-Dächern mit minimaler Eisbedeckung.
Werkzeuge: Black Diamond Cobra und Petzl Quark
Für WI3 bis WI5 sind technische Eiswerkzeuge mit definiertem Griff und austauschbarer Spitze Standard. Zwei häufig empfohlene Modelle:
Black Diamond Viper (früher unter dem Cobra-Lineup): Klassisches leichtes Werkzeug mit einfacher Handhabung und erprobter Geometrie. Gut für Einsteiger und Kursprogramme. Der modulare Kopf erlaubt Wechsel zwischen Standardpick, Mixed-Pick und Haue.
Petzl Quark: Das meistverkaufte technische Eiswerkzeug der Gegenwart. Der Modular-Pick-Wechselmechanismus ist einfach; das Gewicht von 490 Gramm pro Werkzeug ist für seine Leistungsklasse ausgezeichnet. Die Griff-Geometrie unterstützt sowohl senkrechtes Eis als auch horizontale Mixed-Positionen.
Beide Werkzeuge verfügen über Schlaufensystem am Griff (Handschuhschlaufe oder Handgelenk-Leash-System je nach Präferenz). Der Trend geht weg von der Handgelenks-Leash hin zu loser Schlaufe am Stiel, was mehr Greiffreiheit bei Mixed-Klettern erlaubt.
Monozinken vs. Doppelzinken
Die Frontzacken der Steigeisen bestimmen, wie man im Steileis steht. Monozinken (ein einzelner Frontzacken) sind präziser und passen in schmale Felsscharten — das Standardwerkzeug für Mixed-Klettern und steile Eisrouten über WI5. Doppelzinken (zwei horizontale Frontzacken) verteilen die Last breiter und sind auf kohärentem Blankeis stabiler. Für WI3 bis WI4 und reine Gletschertouren sind Doppelzinken die robustere Wahl.
Eisschrauben: Längen und Einsatz
Eisschrauben sind die Sicherungsmittel des Eiskletterers. Die Länge bestimmt, wie tief die Schraube ins Eis greift und wie stark sie hält:
10 cm: kurze Schraube für dünnes Eis oder Notfallsicherung. Geringste Haltewerte; nur wenn keine längere Schraube platzierbar ist.
13 cm: die Allrounder-Länge, gut geeignet für stabiles Gletschereis ab 50 cm Tiefe.
16 cm: Standardlänge für qualitativ gutes Eis. Beste Balance aus Einsatzgeschwindigkeit und Haltewert.
19 cm und 22 cm: für Spaltenbergung, Top-Rope-Sicherungspunkte auf Gletschern und tiefe Eisqualität. Headstufen-Einsatz.
Petzl Laser Speed Light und Black Diamond Express Ice sind die schnellsten drehbaren Schrauben auf dem Markt; ein Kurbelmechanismus erlaubt das Eindrehen mit einer Hand in weniger als zwanzig Sekunden.
Top-Rope-Kletterkurse auf Gletscherseracs
Aletsch (Schweiz): Die Bergschule Aletsch und Führer des Aletschgebiets richten im Sommer Top-Rope-Eiskurse an den Seracs des Großen Aletschgletschers ein. Zugangspunkte sind Bettmeralp und Riederalp (Luftseilbahn), Gehzeit zur Eisoberfläche rund eine Stunde.
Athabasca Glacier (Kanada): Der Columbia Icefield Adventure-Betreiber Pursuit bietet geführte Eiskletterintros für Tagesbesucher an, die über den Skywalk oder Schneecoach zum Gletscher kommen. Kurse laufen von Juni bis September.
Regionale Schulen
Chamonix (Frankreich): Das weltweit dichteste Eiskletter-Ökosystem. ENSA (École Nationale de Ski et d'Alpinisme) und privatre IFMGA-Führer bieten Kurse von Anfänger bis Fortgeschrittener auf den Gletschern des Massif du Mont Blanc. Mer de Glace, Argentière und Bossons sind Hauptschauplätze.
Cogne (Aostatal, Italien): Im Winter weltbekannt für Natureis im Valnontey, bietet Cogne im Sommer Gletscherkurse auf den Seracs des Gran-Paradiso-Gebiets. Kleineres, ruhigeres Ambiente als Chamonix.
Ouray Ice Park (Colorado, USA): Streng genommen kein Gletschereis, sondern künstlich bewässertes Natureis in einer Schlucht. Als Trainingsgelände jedoch das produktivste der Welt — Hunderte von Routen auf kleinstem Raum, perfekt für den Technikkurs vor einer Gletscherexpedition.
Sicherheit auf Gletschereis
Gletschereis ist lebendiges Eis: Es fließt, deformiert sich und bricht. Das unterscheidet es von Kletterwänden oder Wassereis-Routen im Winter, die sich innerhalb einer Saison kaum verändern. Seracs — die turmartigen Eisblöcke an Gletscherbrüchen und Überhängen — kollabieren ohne Vorwarnung. Die meisten Unfälle an Gletschereis passieren nicht beim Klettern selbst, sondern beim Zustieg oder Abstieg durch Sérac-Zonen.
Grundregeln für Eisklettern auf Gletschereis: Serac-Zonen in den heißen Stunden des Tages (10 bis 15 Uhr) meiden; früh aufbrechen und früh zurück. Jede Kletterroute mit einem Bergführer gemeinsam anschauen, der das lokale Gelände kennt. Auf betoniertes Top-Rope-Setup setzen, wenn unsicher. Nie allein klettern.
Ausrüstungspflege
Eispickel und Steigeisen nach jeder Tour trocknen und die Stahlteile mit einem dünnen Ölfilm schützen — Feuchtigkeit rostet Picks und Zacken schnell. Picks regelmäßig auf Risse und Verformungen prüfen; ein gebrochener Pick im Steileis ist eine ernsthafte Situation. Steigeisen-Bindungen auf Abrieb und Materialermüdung prüfen; günstige Crampons mit Plastikbindern versagen nach wenigen Saisonen.
Erster Kurs: was zu erwarten ist
Ein Einführungskurs im Eisklettern dauert in der Regel ein bis zwei Tage. Tag 1: Ausrüstungseinweisung (Crampons, Eiswerkzeug, Sicherungsgerät), Technik auf flachem Eis (Gehen in Steigeisen, Selbsthalttechnik mit Pickel), erste Züge an einer WI2-Schüsselwand. Tag 2: Top-Rope-Klettern an einer WI3-Stelle (8 bis 12 Meter Länge), Einführung in die Eisschraubentechnik, Abseilen von einer Eisverankerung.
Nach zwei Tagen ist man kein Eiskletterer — aber man hat ein plastisches Verständnis davon, wie Eis sich als Klettermaterial verhält, was Steigeisen leisten, und warum Eisschrauben so funktionieren wie sie funktionieren. Das ist der Grundstein für alle weiteren Kurse.
Kosten: Ein Tages-Einführungskurs in Chamonix oder Cogne kostet mit Guide rund 150 bis 250 Euro pro Person in einer kleinen Gruppe (2 bis 4 Personen). Ausrüstung wird geliehen.
Alle in diesem Artikel genannten Gletscher sind auf der interaktiven Karte verzeichnet.